Zwergratten?

Veröffentlicht am 6. September 2026 um 19:01

Was sind Zwergratten?

Zwergratten sind erstmal ganz normale Farbratten (die domestizierte Form der Wanderratte) mit den gleichen Bedürfnissen. Der einzige Unterschied: Sie sind durch eine Gen-Mutation viel kleiner. Diese vererbt sich rezessiv. Während Standardratten um die 300-600g wieden, bringen Zwergratten gerade mal 100 bis 150g auf die Waage. Ihre Körperform kann auch etwas "verzwergt" erscheinen, also kompakter und mit mehr Kindchenschema (im Verhältnis zum Kopf größere Augen usw.). Ein guter Züchter achtet aber darauf, dass eine harmonische, typische Rattenform auch bei den Zwergen erhalten bleibt und die Merkmale wie große Augen sich nicht zu sehr verstärken. Auch die Größe muss in der Zucht beachtet werden: Idealerweise wiegen Zwerge zwischen 130 und 150g, nicht weniger, aber auch nicht viel mehr. Dies ist im Schnitt der gesündeste Gewichtsbereich für Zwerge. Ausreißer bei den Nachkommen können immer mal vorkommen, sollten aber aus der Zucht genommen werden.

Ist das eine Qualzucht?

Nein. Man könnte es vermuten, wenn man Zwergvarianten bei anderen Haustieren kennt. Zwergratten stehen ihren Standard-Kollegen aber gesundheitlich in nichts nach. Bisherige Erkenntnisse deuten sogar auf eine höhere Lebenserwartung und ein geringeres Tumorenwachstum hin. Tatsächlich habe ich auch oft den Eindruck, dass die Lebensqualität meiner Zwerge besser ist als die meiner Standards, weil sie sich weniger behebig bewegen können und so schneller im Rennen und besser im Klettern sind. (Das ist natürlich nur mein subjektiver Eindruck.) Dwarfs sind durchschittlich auf jeden Fall aktiver und quirliger, manche würden sagen hyperaktiver, als Standardratten, individuelle Charaktereigenschaften mal ausgenommen. Die Zucht von dwarfs birgt jedoch Herausforderungen und sollte informierten, verantwortungsvollen Züchtern überlassen werden! Zwergratten können eine Qualzucht sein, wenn sie falsch gezüchtet werden, also zu klein, mit zu extremen Merkmalen oder mit schwierigen Geburten.

Erschwerte Zucht

Das ist meiner Meinung nach der größte Nachteil von dwarfs: Die Geburten. Durch die verringerte Größe kann es da zu Problemen kommen. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass diese Probleme stark größen- und zuchtlinienabhängig sind. Viele Züchter ziehen dwarfs daher nur über Trägerweibchen, also Standardweibchen, die das dwarf-Gen tragen, gepaart mit dwarf-Böckchen. Das bringt den Vorteil erleichterter Geburten und höherer Babyanzahl, denn reine dwarf-Würfe sind auch viel kleiner (2-7 Babys statt 10-12 wie bei Standards). Der Nachteil: Nur etwa 50% der Babys im Wurf sind dwarfs. Außerdem ist die Größe der ausgewachsenen dwarfs so schlechter vorherzusehen und zu fokussieren. Ich habe mich bewusst für die reine Zucht von dwarf x dwarf entschieden und arbeite in meiner Linie aktuell an einer guten Größe und leichten Geburten. Die Größe meiner Zwerge ist schon ziemlich gut und stabil. Bei den Geburten hatte ich leider vor Kurzem mehrfach Probleme und selektiere nun noch stärker meine Zuchttiere nach diesem Kriterium. 

Haltung

Der Käfig für Zwergratten muss eine genauso große Grundfläche aufweisen wie der für Standardratten! Ebenen können in Bezug auf den Höhenabstand näher aneinander platziert werden, weil die Höhe der aufgerichteten Ratte als Maßstab für den Abstand kleiner ist. So lässt sich theoretisch die Lauffläche im Käfig erhöhen. Da ich aber ohnehin für Zwerge zu mehr Klettermöglichkeiten statt Etagen rate, weil sie sehr aktiv sind, stellt dies keinen entscheidenden Faktor dar. Man kann in der gleichen Käfiggröße tendenziell etwas mehr Zwerge als Standards zusammenhalten (also Gruppengröße), weil sie sich besser zusammen in die Schlafplätze quetschen können und auch insgesamt einfach weniger Raum einnehmen, sich besser verteilen. Durch ihr erhöhtes Energieniveau ist jedoch oft ein häufigerer und längerer Auslauf nötig!

Damit sich die Zwerge nicht durch die Gitterstäbe zwängen, sollte ihr Abstand nicht mehr als 10-13mm betragen. Durch die geringere Größe bieten sich auch kleinere Einrichtungsgegenstände für den Käfig an als bei Standardratten. So kann auch mal ein engerer Tunnel oder ein Hamsterhäuschen verwendet werden. Hält man jedoch eine gemischte Gruppe von Zwergen und Standards, sollten keine Einrichtungsgegenstände vorhanden sein, in denen die Standards feststecken können!

Die gemeinsame Haltung mit standardgroßen Ratten ist meist problemlos möglich, hängt jedoch vom Charakter, dem Alter und der Sozialisierung der Tiere ab. Tatsächlich richtet sich die Rangordnung auch nicht nach der Größe - ein dominanter Zwerg kann durchaus einem Standard sagen, wo's lang geht. Körperlich sind Zwerge aber natürlich deulich unterlegen und das kann bei ernsthaften Konflikten gefährlich werden. Zu sehr territorialen oder gar aggressiven Standards neue  Baby-Zwerge dazu zu setzen wäre fatal. Sind die erwachsenen Standards gutmütig, kann es klappen. Einfacher ist es jedoch, Baby-Standards mit Zwergen zu sozialisieren. Eine Garantie gibt es bei der Vergesellschaftung von Ratten ohnehin nie, da die persönliche Sympathie eine große Rolle spielt.

Sind für mich Zwerge oder Standards besser?

Diese Frage stellen sich wahrscheinlich viele angehende Rattenhalter. Ich persönlich bin damals bei den Zwergen gelandet, da ich von den vermeintlichen Gesundheitsvorteilen gehört habe. Bei meinen ersten Ratten hatte ich Sorge, bei ihrer kurzen Lebenserwartung ständig mein Herz gebrochen zu bekommen. Spoiler: Das ist in der Rattenhaltung immer so. Meine Zwerge sind im Schnitt meist deutlich älter geworden als meine Standardratten, aber ich habe auch bisher wesentlich mehr dwarfs als Standards gehabt. Jedes Rattenleben ist viel zu kurz! Es sind so tolle Tiere mit einem riesen Charakter, da reichen 3 Jahre nie aus... Die Gesundheitsrisiken hängen, genau wie das Wesen und das Potenzial für hormonelle Aggression, auch stark von der genetischen Vorbelastung der Zuchtlinie ab. Daher fällt es mir schwer zu beurteilen, ob ich aufgrund der Dwarf-Form so wenig (bzw. gar keine) Tumore und Abszesse bei meinen Tieren hatte, oder ob es an der mitgebrachten Gesundheit meiner Zuchtlinie liegt. Dem geringeren Tumorenwachstum stehen übrigens erschwerte OPs gegenüber - bei so kleinen Tieren muss ein Tierarzt äußerst filigran arbeiten können und auch die Dosierung von Medikamenten ist schwieriger.

Bis heute bin ich großer Fan der Zwerge geblieben - offensichtlich - von ihrem quirligen Wesen und hohen Aktivitätslevel bis hin zu ihrem niedlichen Aussehen begeistern sie mich einfach. Ein Vorteil ist die geringere Ausscheidungsmenge, die sich im Vergleich zu Standards vor allem im Geruch deutlich bemerkbar macht! Ein einziger unkastrierter Standardbock, mein lieber Fergus, hat mal die gesamte Geruchsbelastung bei mir zu Hause verschoben... Naja, das muss natürlich nicht so sein, ist aber ein Faktor, den man bedenken sollte. Kleinere Tiere scheiden einfach weniger Kot und Urin aus.

Sie passen übrigens auch in kleinere Öffnungen: Sowohl in kleinere Röhren und Häuschen, sodass man andere Einrichtung verwenden kann, aber auch unters Sofa, hinters Regal... Das kann richtig nervig sein. Hat man sehr zahme Zwerge, die auf Ruf zurück kommen, ist es kein Problem, aber wenn sich ein Ratt überlegt, nun unter der Couch sein Heim einrichten zu wollen, muss man unter Umständen ganz schön auf dem Boden herumkriechen und Flusen einatmen, um es wieder zu bekommen. Daher hat man bei Zwergratten mehr Arbeit damit, alles ausbruchs- und verschanzsicher zu gestalten.

Nach der Abwägung all dieser Punkte ist die wahrscheinlich wichtigste Frage: Welche Haptik mag ich lieber? Möchte ich lieber eine Art großes Meerschwein plus Schwanz auf meiner Schulter sitzen haben, das bei langsamen Reflexen berechenbarer ist, sich gut greifen lässt und ziemlich punk aussieht? Oder hätte ich lieber einen filiganen kleinen Quirl in der Hand, der mir die Haut nicht zerkratzen kann, den jeder irgendwie doch noch "für eine Ratte" ganz süß findet, aber der auch mal unter dem Sofakissen verloren geht? :D Spaß beiseite, beides hat was. Am Ende bleibt es eine Geschmacksfrage.